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"Wird bei uns bald Krieg sein?"

Hand mit Projektion Waffe

Interview Domradio mit Dr. Carsten Oerder

Erzbischöfliche Ursulinenschule in Bornheim

Der Krieg in der Ukraine ist in den Medien omnipräsent, auch Kinder und Jugendliche sehen Dinge, die sie erschrecken. Diese Eindrücke nehmen sie mit in die Schule. Ein Thema auch in der Erzbischöflichen Ursulinenschule in Bornheim.

Dr. Carsten Oerder (Religionslehrer an der Erzbischöflichen Ursulinenschule Hersel in Bornheim bei Bonn):

DOMRADIO.DE: Sie unterrichten an einem Mädchengymnasium. Wie erleben Sie denn die Schülerinnen nach den schulfreien Tagen an Karneval?

Wir haben das ganz vorsichtig angegangen, weil man den Kindern natürlich jetzt in der Corona-Pandemie die Karnevalsferien auch nicht nehmen wollte. Aber die erste Frage in allen Kursen, die ich gehabt habe, nachdem wir darüber gesprochen haben, dass sie Ferien gehabt hatten, ist, ob sie sonst noch etwas wahrgenommen haben außerhalb dieser Karnevalszeit. Und ich bin gestartet mit meiner sechsten Klasse und da schossen die Finger nach oben, dass es eine kriegerische Auseinandersetzung mit Russland und der Ukraine gibt und daran habe ich schon gemerkt, wie bewegt die Kinder von diesem Thema eigentlich sind.

DOMRADIO.DE: Und das sind Kinder von elf bis zwölf Jahren, die ganz viele Fragen haben. Thematisieren Sie den Krieg jetzt nach zwölf Tagen in Ihrem Unterricht immer noch?

Oerder: Ich habe das heute noch gehabt in einem Kurs, den ich bisher noch gar nicht gehabt habe, dass wir das dann noch mal angeschnitten haben, dass man über Gerechtigkeit eigentlich spricht in der Q2, also kurz vor dem Abitur und dann diese Frage beim Thema Krieg einfach noch mal aufkommt. Und wir machen es eigentlich grundsätzlich bei uns in der Schule, dass wir uns als Kolleginnen und Kollegen an dem Tag, bevor wir wieder in die Schule kamen, über die Moodle-Plattform ausgetauscht haben, Materialien bereitgestellt haben und uns überlegt haben, wie kann man das kindgerecht angehen? Man muss ja mit Fünft- und Sechstklässlern über dieses Thema anders sprechen - oder kann mit ihnen anders sprechen - als mit einer Mittelstufenschülerin oder später einer Oberstufenschülerin. Da versuchen wir schon auf die Grundgegebenheiten einzugehen.

DOMRADIO.DE: Welche Fragen und Ängste haben denn die Schülerinnen? 

 

Oerder: Da ist die ganze Bandbreite dabei: Welche Bedrohung wird für uns davon ausgehen, betrifft uns das? Wird bei uns bald Krieg sein, werden wir auch da reingezogen werden? Es gibt viele Kinder, die das aufgrund eines familiären Hintergrundes für sich selber noch mal klar bekommen müssen. Also Kinder mit ukrainischen, russischen, belarussischen, polnischen oder baltischen Verwandten. Die schauen darauf und sagen: Ist das ein Krieg, der nur da geführt wird oder betrifft uns das auch? Was können wir tun? Was müssen wir tun? Durch Eltern, die einbezogen sind, also wo die Eltern, Vater oder Mutter, Soldatinnen oder Soldaten sind, die zu Hause da auch schon darüber gesprochen haben. Da ist also die erste Runde wirklich die Befindlichkeit auszutauschen. Wie geht es den Schülerinnen dabei? Die Ängste ernst nehmen, die genannt werden, versuchen durch Wissen und Auseinandersetzung mit dem Thema tatsächlich Ängste abzubauen und sie ernst zu nehmen.

DOMRADIO.DE: Es gab an Ihrer Schule eine Schweigeminute, die von Seiten der Schülervertretung kam. Wie war da die Resonanz?

Oerder: Ich fand es großartig, das bin ich fast gewohnt, möchte ich positiv formulieren, dass unsere Schülerinnen sich aktiv einsetzen. Dies betraf jetzt das Thema kriegerische Auseinandersetzungen, aber auch das Thema Gleichberechtigung von Mann und Frau ist immer wieder mal ein Thema. Die Kolleginnen, die die SV-Verbindungslehrerinnen sind, haben mich schon am Dienstag informiert darüber, dass eine Schweigeminute stattfinden würde. Eine große Gruppe von Schülerinnen, die dann Pause hatte, nahm auch wirklich an dieser Schweigeminute in einer gewissen Ernsthaftigkeit teil. Die Schülerinnen haben ein großes ukrainisches Herz in blau-gelb auf den Schulhof gemalt. So wollten sie ihre Solidarität zeigen und einfach gegen die Ohnmacht, die uns ja allen auf der Seele drückt, anmalen, anschweigen und anapplaudieren.

DOMRADIO.DE: Sie haben auch ganz konkret in Ihrer Schule Bereitschaft geäußert, Flüchtlinge aufzunehmen. Wie könnte das gehen? Gibt es da schon konkrete Überlegungen?

Oerder: Soweit ich das mitbekommen habe, hat der Schulträger da in der Tat auch schon die ersten Pläne in der Schublade. Wir als Schule haben ein Kriseninterventionsteam, die darüber jetzt getagt haben: Wie geht man mit der Grundproblematik um? Wie geht man damit um, wenn Kinder konkret betroffen sind? Und dann war der zweite Schritt, dass wir davon ausgehen, dass wir ja als Schule hier im Bonner Dunstkreis, wir sind ja auf Bornheimer Gebiet liegend, dass wir aber auch vom Erzbistum gebeten werden, Kinder aufzunehmen und wir uns einfach überlegen müssen, wie wir da Materialien zur Verfügung stellen, wie wir eine sprachliche Hürde überwinden können, wie die Kinder, in welche Jahrgangsstufen und Klassen eingruppiert werden. Da hat sich das Kriseninterventionsteam schon konkret Gedanken gemacht und die Schulleitungen sind da ja auch eng vernetzt im Erzbistum. Ich denke, das wird jetzt in den nächsten Wochen auf uns zukommen. Das ist ganz klar, wenn so viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen, 50.000 habe ich heute gehört. Das wird auch die Schulen betreffen. Ganz klar.

DOMRADIO.DE: In Ihrer Schulkapelle gibt es auch die Möglichkeit, eigene Gedanken aufzuschreiben. Gab es bereits Schülerinnen, die das gemacht haben?

Oerder: Das haben Schülerinnen schon gemacht. Da kommen dann die Schülerinnen aus der fünften und sechsten Klasse zuerst und fragen, was sie aufschreiben sollen. Und ich sage dann, dass es ja keine Verpflichtung ist etwas zu schreiben. Du kannst das aufschreiben, was dich bewegt, was dir auf der Seele liegt, vor Gott tragen und das auch artikulieren, das muss nicht in einem Gebet gefasst sein. Manche Schülerinnen haben das gemacht, dass sie ein kleines Gebet formuliert haben. Andere Schülerinnen schreiben einfach nur ihre Ängste auf, haben es ins Bild gefasst. Das ist ein Angebot, was in der Regel jetzt, weil es ja um einen längeren Zeitraum geht, immer wieder mal angenommen werden wird. So zeigen uns das die Erfahrungen, wenn wir in Krisensituationen dieses Angebot machen.

Das Interview führte Dagmar Peters.

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